Was Sie schon immer ueber Sex wissen wollten
Michael Winterbottoms filmische Analyse:
Bester Brit-Pop und der Liebesakt als Selbstbestaetigung
Neun Lieder, gespielt jeweils auf Konzerten in London, bilden die Struktur von “Nine Songs”. Es sind verschiedene Bands, das Hippste, was Brit-Pop zurzeit zu bieten hat - von “Franz Ferdinand” bis “Primal Scream”. Es sind energiegeladene Auftritte, sie lassen eintauchen in die Atmosphaehren des Augenblicks. Studentin Lisa und Polarforscher Matt besuchen die Konzerte, ein wenig strukturieren diese nicht nur den Verlauf der Handlung, sie kommentieren ihn auch - die hypermoderne Variante eines antiken Chors. Eine Tragoedie ist es allerdings nicht, die Michael Winterbottom erzaehlt.
Lisa und Matt sind das Paar in einem Film, der ganz auf sie ausgerichtet ist und nichts anderes zeigt als ihre Affaire, so einfach und geradlinig und offen wie moeglich. Wir sehen beide immer abwechselnd auf Konzerten und im Bett. Zu sagen hat sich das Paar wenig, in der Liebe, das scheint Winterbottom zu meinen, kann es auf ganz andere Dinge ankommen. Im Zentrum steht ein rein koerperliches Wohlgefuehl, dass durch Sex genauso hervorgerufen werden kann wie durch Musik. Wichtiger ist allerdings, wie Winterbottom ganz konkret die Grenzen des Zeigbaren auslotet: “Nine Songs” zeigt explizit Sex in verschiedenen Variationen.
Obwohl er dabei an Deutlichkeit vieles ueberschreitet, was einst grossen Skandal machte, ist dies niemals ein Porno, bleibt der Film immer in aller Offenheit dezent. Einmal mehr zeigt sich Winterbottom als hochinteressanter Filmemacher - und als der wohl experimentierfreudigste Regisseur Europas. Was “Nine Songs” dabei mit Bertoluccis beruehmtem “Letzten Tango von Paris” gemeinsam hat, ist die nicht ganz gleichberechtigte Perspektive: Aus dem Off erzaehlt Matt alles im Rueckblick. Da erlebt man einen etwas weinerlichen und letztlich arg selbstbezogenen Mann, der gerade zum ersten Mal sein Altern spuehrt Der Liebesakt als Selbstbestaetigung und Memento Mori.
Die einzige Frage, die offen bleibt, ist, ob all dies wirklich etwas mit Liebe zu tun hat? Vielleicht erzaehlt “Nine Songs” doch weniger von der Liebe als einfach davon, wie es ist, wenn zwei Leute gern miteinander ins Bett gehen.
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